22. Dezember 1943 ~ Und vielleicht bringt es uns Hoffnung

22. Dezember 1943

Schon 2 Tage ist Hans weg, morgen erwarte ich Post, aber bringt sie günstige Berichte, ob Guus und ihre Mutter wieder zu Hause sind? Ach, es wird wohl nicht so sein. Optimistisch Denken hat man verlernt, die bittere, harte Wirklichkeit zeigt es täglich wie streng die Herren sind. Ach, die armen Menschen! Hans und sein Mädchen sind mir nicht aus dem Sinn, im(m)er denke ich an sie. Warum hat man Haussuchung getan? Warum hat man den Rundfunk nicht weggetan oder wenigstens wie so viele gut verstopft?
So etwas ist Leichtsinn, und fast nicht gut zu sprechen; welch ein Drama spielte sich ab, da man die Frauen mitnahm? Wenn sie nur bald zurückkommen, der Mann bekommt sicher eine lange Strafe, Hans läuft nun einsam herum, ist die Anwesenheit seiner Liebsten täglich gewöhnt, sitzt in Sorge wie es ihr geht, ist gebunden, kann nicht helfen, kein Bericht kommt durch. Ach, ich habe so Mitleid.

Weinen kann ich nicht mehr, bloß als Hans weg war, weinte ich bitterlich, so unsagbar Leid tut mir alles, und noch muss man froh sein, dass er nicht an dem Abend dorten war, was doch gut möglich gewesen wäre. Alles ist Zufall. Aber Guus, die meinen Sohn lieb hat und die ich nicht persönlich kenne, ist mir doch ans Herz gewachsen, denn was sie tut ist so edel, obwohl an der anderen Seite so gefährlich, und tut mir die arme Mutter leid, die nun um Mann und vielleicht ums Kind mit ins Unglück gezogen ist. Aber es ist ja ein Glück, dass es solche mutige Menschen gibt, sonst bekämen all die Untergetauchten, Christen wie Juden keine Hilfe. Ein Kassenbuch hat mir das Töchterchen heute mitgebracht, das ich als Tagebuch benutze, andere Hefte sind nicht mehr so zu bekommen.

In Russland hat die Winteroffensive eingesetzt, an 5 Fronten wird heftig und schwer gekämpft, 20 -30.000 deutsche Soldaten hat es in der letzten Woche gekostet. Flieger bombardierten in den letzten Nächten Frankfurt, Mannheim. Nordwestdeutschland, Frankreich und in einigen Tagen ist das Heiligste Fest im Jahr, Weihnachten, das Friede auf Erden bringen soll. Friede! Welcher Klang! Ein Lied ohne Wert ist es geworden, die Menschen sind Tiere geworden, die sich ermorden, und die Welt geht zugrunde. In Russland hat man 4 Missetäter verurteilt, die tausende Menschen in Charkow töten ließen, vor 40.000 Zuschauer erhing man sie öffentlich am Galgen.

Mittelalterliche Zustände, aber darin leben wir, allein die Technik ist modern, und daher ist die Mordlust noch tausend Mal schlimmer.
Bestien sind die Völker unter einander. Wenn nur die Tage eher vergingen! Monat Dezember dauert so lange. Ach, das neue Jahr, was wird es bringen? Wenn wir nur gesund, und aus den Händen der Feinde bleiben! So schwer ist diese Isolierung, das erste Jahr ging, aber nun, wo wir übermorgen schon 16 Monate lang hier sind, ist es mir, als könnte ich es nicht mehr lange aushalten. Und doch muss es, der Wille vermag so viel, auch das Kind rebelliert oft, aber an Tagen, wo sie sich dem Schicksal unterwirft, tröstet sie sich mit Lesen, einer Arbeit, Zeichnen, etwas Sprachenunterricht.
So gehen die Tage vorbei, gestern war der kürzeste Tag, nun gehen wir wieder dem Vorjahr entgegen und vielleicht bringt es uns Hoffnung.

Paula Bermann – Die entgleiste Welt.Die Tagebücher. Amsterdam 1940 – Jutphaas 1944. Musketier-Verlag, Bremen. ISBN 9783946635673




USC Shoah Foundation – Interview with Carola Berman

Leading Change Through Testimony

Our core purpose is to give opportunity to survivors and witnesses to the Shoah—the genocide of the Jews—to tell their own stories in their own words in audio-visual interviews, preserve their testimonies, and make them accessible for research, education, and outreach for the betterment of humankind in perpetuity.

https://sfi.usc.edu/about

Now online the interview with Mrs. Carola Berman, family of Paula Bermann.

The interview: Carola Berman

(June 2023: The link will be active for one year)




Paula Bermann – Die entgleiste Welt. E-book jetzt erschienen

Die deutsche Jüdin Paula Bermann, die in den Niederlanden beheimatet war, führte von 1940 bis 1944 ein Tagebuch. Das Tagebuch ist ein beklemmender Bericht über die Welt im Krieg, ihre niederländische Familie, ihre Familie in Deutschland und das heraufziehende Elend einer systematischen Vernichtung alles Jüdischen. Sie ist politisch sehr gut informiert und beschreibt detailliert den Alltag in Amsterdam und ab 1942 aus dem Versteck in Jutphaas. Zwischen den Zeilen sind ihre Ängste und Sehnsüchte und ihre Abneigung gegen eine aufgezwungene Identität zu lesen: sowohl deutsch als auch jüdisch. Als Deutsche wird sie misstrauisch beäugt, als Jüdin gejagt. Bermanns Tagebucheinträge sind durchdrungen von Melancholie, Wut, Sorge um ihre Kinder, Abneigung gegen ihre Landsleute und Angst vor Verrat. Noch nie hat es eine so leidenschaftliche und präzise Beschreibung eines Lebens in den besetzten Niederlanden gegeben, geschrieben von einer deutschen Jüdin. Das Tagebuch endet abrupt: Im Frühjahr 1944 werden Paula, ihr Mann Coen und ihre Tochter Inge verraten, verhaftet und über Westerbork nach Bergen-Belsen deportiert. Kurz vor der Befreiung sterben Paula und Coen. Ihre drei Kinder überleben den Krieg.

Die deutsche Jüdin Paula Bermann, die in den Niederlanden beheimatet war, führte von 1940 bis 1944 ein Tagebuch. Das Tagebuch ist ein beklemmender Bericht über die Welt im Krieg, ihre niederländische Familie, ihre Familie in Deutschland und das heraufziehende Elend einer systematischen Vernichtung alles Jüdischen.

Kindle Edition: https://www.amazon.nl/Die-entgleiste-Welt




Von Stolperstein, Scham und Symbolik

Grabstein der Familie Bermann auf dem jüdischen Friedhof in Kusel

Kusel, Mai 2019

„Wie denkt Ihre Generation über uns, über die Geschichte?“, fragt Frau Ulrike Nagel, die Bürgermeisterin von Kusel, Lucy Barten, Paula Bermanns Ururenkelin, während des Abschiedsessen am Montagnachmittag. Lucy, fast 18, lächelt und sagt, ihre Generation denke nicht mehr an Schuld oder den “schlechten” Deutschen. Aber dass der Holocaust natürlich ein unauslöschlicher Teil der Familiengeschichte ist.
Frau Nagel findet es bewegend, dass Lucy und die Familie nach Kusel gekommen sind. “Ich komme aus der Generation, die sich schämt. Schande für das, was unsere Eltern dir angetan haben.”
Scham und Schuld mieten manchmal beide ein Zimmer im selben Haus.

Die Bearbeitung des Tagebuches Diese entgleiste Welt hat Elma Drayer letztes Jahr so sehr beschäftigt, dass sie nach Konken und Kusel gereist ist. In Konken besuchte sie das Haus, in dem Paula Bermann geboren wurde, in Kusel das Haus, in dem die Familie Bermann lebte, seit Paula zehn Jahre alt war.
In der örtlichen Buchhandlung kaufte Elma Drayer eine Buch über die Geschichte der kleinen jüdischen Gemeinde in Kusel. Die Familie kontaktierte den Autor Gerhard Berndt im Namen der Familie.

Infolgedessen reisten einige der Verwandten am vergangenen Wochenende auf Einladung der Stadt Kusel, des Ehepaares Gerhard und Regina Berndt und des Arbeitskreises Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung nach Deutschland, um an der Platzierung des Stolpersteins in Erinnerung an Paula Bermann teilzunehmen.

Nachmittags gingen wir mit Gerhard Berndt entlang anderer sogenannter Stolpersteine in der Stadt. Er erzählte von der Geschichte der Judenverfolgung in Kusel und wies auf mehrere Gebäude und Häuser hin, die in der Geschichte der Familie Bermann eine Rolle spielten.
Über 100 Menschen waren am Abend zum Rathaus gekommen für die Lesung.

Montagmorgen durften wir früh aufstehen. Um acht Uhr ging es nach Konken, dem Geburtsort von Paula Bermann. Das Ehepaar Feyer, das im Geburtsort lebt, begrüßte die Familie herzlich. Im Hof stand ein Tisch mit Schnaps und einem Snack.

Danach wurde der jüdische Friedhof besucht. Es gibt eine Reihe von Verwandten von Paula Bermann, einschließlich ihrer Eltern. In einem kleinen Kreis wurde der Kaddisch den Trauernden vorgelesen. Der Grabstein erwies sich als zerstört. Vor zwanzig Jahren haben Neonazis auf dem alten Friedhof 23 Steine zerschlagen.

Zurück in Kusel wurde die Gartenstraße abgesperrt und interessierte Personen und Studenten des Gymnasiums kamen zusammen, um an der Verlegung des Stolpersteins für Paula Bermann teilzunehmen.
Nach einem kurzen Willkommenswort von Reverend Ulrich Reh sagte die Bürgermeisterin, sie sei zutiefst betroffen, dass die Familie nach Kusel gekommen sei. Frau Larissa Janzewitsch, stellvertretende Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Rheinland-Pfalz, freute sich, dass so viele Schulkinder an diesem Denkmal beteiligt waren. Das macht Mut für die Zukunft.

Ein Familienmitglied bedankte sich bei allen Beteiligten und sagte, dass die Platzierung des Stolpersteins der Familie zugute komme. Als ob Paula Bermann sich mit ihrer Familie wiedervereinigt hätte. Und mit der Stadt Kusel.

Sie drückt auch Hoffnung aus, dass die Stimme ihrer Großmutter dauerhaft mit der Stadt verbunden bleibt. Eine Stadt, die Paula Bermann, so schreibt sie in ihr Tagebuch, einen Tag nach dem Krieg mit ihren Kindern besuchen wollte, weil sie so gute Erinnerungen daran hat.

Der Stolperstein wurde dann von Lucy Barten, Paula Bermanns siebzehnjährigem Ururenkel, platziert. Schüler spielten Que sera sera und Hava Nagila.

Zwei Schüler lesen auch ein Gedicht, in dem sie aufgefordert werden, wachsam zu bleiben.
Der zerschlagene Grabstein der Familie zeigt, dass dieser Anruf nicht überflüssig ist.

In diesem Sinne ist dieses Grab ein Symbol. Ein Symbol für eine Welt, die einfach so aus der Bahn geraten kann.




Paula Bermann – Die entgleiste Welt. Die Tagebücher Amsterdam 1940 – Jutphaas 1944

Jetzt erschienen!

Paula Bermann – Die entgleiste Welt – Die Tagebücher der Paula Bermann. Amsterdam 1940 – Jutphaas 1944

Die deutsche Jüdin Paula Bermann, die in den Niederlanden beheimatet war, führte von 1940 bis 1944 ein Tagebuch. Das Tagebuch ist ein beklemmender Bericht über die Welt im Krieg, ihre niederländische Familie, ihre Familie in Deutschland und das heraufziehende Elend einer systematischen Vernichtung alles Jüdischen.

Sie ist politisch sehr gut informiert und beschreibt detailliert den Alltag in Amsterdam und ab 1942 aus dem Versteck in Jutphaas. Zwischen den Zeilen sind ihre Ängste und Sehnsüchte und ihre Abneigung gegen eine aufgezwungene Identität zu lesen: sowohl deutsch als auch jüdisch. Als Deutsche wird sie misstrauisch beäugt, als Jüdin gejagt. Bermanns Tagebucheinträge sind durchdrungen von Melancholie, Wut, Sorge um ihre Kinder, Abneigung gegen ihre Landsleute und Angst vor Verrat. Noch nie hat es eine so leidenschaftliche und präzise Beschreibung eines Lebens in den besetzten Niederlanden gegeben, geschrieben von einer deutschen Jüdin.

Das Tagebuch endet abrupt: Im Frühjahr 1944 werden Paula, ihr Mann Coen und ihre Tochter Inge verraten, verhaftet und über Westerbork nach Bergen-Belsen deportiert. Kurz vor der Befreiung sterben Paula und Coen. Ihre drei Kinder überleben den Krieg.

Musketier Verlag, Bremen, 2022. 264 Seiten.  ISBN 9783946635673. Euro 24,90

https://www.musketierverlag.com/die-tagebucher-der-paula-bermann

Kontakt: info@musketier-verlag.de




17 maart 1941

Mijn verjaardag is weer voorbij. En hoe zal het volgend jaar zijn? Wie weet wat er allemaal gaat gebeuren. Het wordt vast en zeker een zwaar, onheilspellend jaar, vol gevaren, angst en dood. Je mag niet nadenken, moet van de ene dag in de andere leven, je geen zorgen maken voor morgen. Maar wie kan dat?

De dagen lengen, ’s ochtends mag je al om acht uur de verduistering verwijderen. Wat een geluk! Mijn tuintje ziet er alweer echt lenteachtig uit, het jonge groen komt bijna tevoorschijn. Het wonder der natuur ontroert me ieder jaar weer.

Zandvoort en andere plaatsen zijn nu voor ons Joden verboden, maar wie zou zin hebben om eropuit te gaan? Ook zwembaden mogen ons niet meer toelaten. Dat spijt me voor Coen en Sonja, ze houden zo van zwemmen. Maar ach, dat is het ergste niet. Als ze ons maar in onze huizen laten wonen en ons niet naar getto’s afvoeren en de mannen naar werkkampen. Hans is ook somber en zou weg willen, maar waarheen?

Vroeger dacht je dat je zorgen had. Wat waren ze in vergelijking met deze zorgen, in deze tijden? En toch houd je het hoofd koel, ben je blij dat je leeft en niet het lot van de Engelsen deelt die dagelijks in gevaar verkeren. Seyss-Inquart heeft vorige week een scherpe rede gehouden, op ons gescholden en Nederland gewaarschuwd dat bij een eventuele invasie [van de geallieerden] geen huis heel blijft.

Ook Hitler sprak in Oostenrijk dreigende, gevaarlijke woorden die geen twijfel laten bestaan over wat hij allemaal met ons van plan is. Zullen we de oorlog overleven? Vaak denk ik van niet. Mijn pessimistische woorden mag ik hier niet uitspreken, er is altijd nog hoop, maar ikzelf zie het somber in.

De voorjaarsschoonmaak staat voor de deur. De zin die er anders was, is er niet, maar iets moet er toch gebeuren. Gordijnen wassen en kasten schoonmaken. Waarom eigenlijk?

Over de onaardigheid van de kinderen wind ik me niet meer op. Ik zie minder, ben niet zo snel beledigd en ik kan het beter met ze vinden. Je leert tevredener te zijn, deze tijden leren je dat.
Belangrijkere zaken vragen om aandacht.